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Marlene Berger-Stöckl, Projektmanagerin Ökomodellregion Waginger See/Rupertiwinkel

Marlene Berger-Stöckl
Marlene Berger-Stöckl © Nicht bekannt

Liebe Klimafreundin,

vielen Dank, dass Sie sich zu einem Interview bereit erklärt haben!

Vorstellung Ihrer Person:
Wer sind sie, was machen Sie beruflich und inwiefern beschäftigen Sie sich mit dem Klimaschutz?

Ich heiße Marlene Berger-Stöckl, bin ausgebildete Agraringenieurin (TUM) und Umweltberaterin und leite seit 2014 in Zusammenarbeit mit zehn Gemeinden die „Ökomodellregion Waginger See- Rupertiwinkel“.

Bei uns geht es insbesondere um die Stärkung des Anbaus und Verbrauchs heimischer Biolebensmittel in Zusammenarbeit mit den Bauern vor Ort und mit Lebensmittelherstellern, aber auch um ökologische Projekte mit den Gemeinden und allen interessierten Landwirten.
Der Biolandbau (mit seinem Verzicht auf energieaufwändige mineralische Düngung), die Stärkung der Bodenfruchtbarkeit – Humus speichert CO2 – und eine nachhaltige heimische Landwirtschaft sind wichtige Säulen auch für den Klimaschutz.

1. Welche Themen im Klimaschutz bewegen Sie besonders?

Es gibt gute Fortschritte bei der Energieeinsparung und beim Einsatz erneuerbarer Energien, so z.B. in der Industrie oder beim Hausbau.

Was aber fast ungebremst weitersteigt, sind unsere Anforderungen an die individuelle Mobilität sowie unsere persönlichen Ansprüche beim Wohnen und beim Ressourcenverbrauch.
Wir fliegen zuviel, wir fahren – auch in der Freizeit – zuviel mit dem Auto, wir wohnen auf viel zu großen Flächen, versiegeln zuviele Böden und wir kaufen zuviel ein, ohne über den Lebenszyklus der Produkte nachzudenken.

Unsere persönlichen Ansprüche sind fast unbegrenzt. Wir haben noch nicht verstanden, welche existentielle Bedrohung der Klimawandel für unser Leben und für die Stabilität der Ökosysteme ist.

Der ohnehin bereits dramatische Schwund der Artenvielfalt – weil wir immer mehr Arten ihren Lebensraum entziehen – wird durch den Klimawandel noch beschleunigt. Schon jetzt bedroht der Klimawandel z.B. die Hummeln, die als Bestäuber unersetzlich sind.

Eine klimafreundliche Ernährung ist ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz – und auch zum Erhalt der Artenvielfalt -, sie sollte möglichst saisonal,  biologisch und regional sein, wird aber zu oft auf den Verzicht tierischer Produkte reduziert. Das ist zu kurz gedacht – wenn ich maßvoll Fleisch von biologisch oder extensiv gehaltenen Weidetieren esse oder Milchprodukte von Bioweidekühen genieße, dann trägt das zum Erhalt des Grünlands, zum Erhalt wertvoller Wiesen und Weiden als Lebensräume und damit zur Speicherung von Kohlendioxid in den Böden der Alpenregion bei und ist für sich genommen noch wenig klimaschädlich. Ein unüberlegt hoher Fleischkonsum von Tieren, die nicht artgerecht gehalten und mit viel zugekauftem Futter von Ackerböden gemästet werden, schädigt dagegen neben den Tieren auch das Klima und hat weitere negative Folgen. Ich respektiere jeden, der sich aus ethischen Gründen vegan ernähren möchte, sehr – bitte aber vorwiegend mit heimischen Biolebensmitteln und nicht mit Import-Produkten aus aller Welt.

2. Was gefällt Ihnen am Projekt Klimabonus / Konzept des Klimabonus?

Wir brauchen vielfältige Schritte, Initiativen und Projekte, um mehr Klimaschutz zu praktizieren.

Wir müssen die Bürger durch vielfältige Ansätze mobilisieren, von „oben“ wie von „unten“.

Das Projekt Klimabonus setzt auf den Ansatz „von unten“ – es kann durch seine positiven Ansätze – klimafreundliches Verhalten wird belohnt – einer dieser Bausteine werden, wenn es gelingt, eine ausreichende Anzahl von Menschen und Firmen aus der Region dafür zu begeistern.

Was mir besonders gut gefällt, ist die geplante Zusammenarbeit zwischen Bürgern und Unternehmen vor Ort: Wenn ich ein Ziel erreichen will, ist es oft das Beste, in kleinen Schritten praktisch und direkt vor der Haustür damit zu beginnen. Was sich durch Gesetze und Verordnungen manchmal schwer vermitteln lässt, kann durch persönliche Begegnungen und Gespräche mit Menschen, die den Klimaschutz vorleben, verständlicher werden.

Einen Anreiz für Unternehmen zu schaffen, um einen Teil ihres CO2-Ausstoßes vor Ort auszugleichen, ist ein wichtiger Aspekt im Projekt Klimabonus. Ich bin gespannt darauf, wie dieses Ziel umgesetzt wird.

3. Wie kann der Klimabonus ihrer Meinung nach dabei helfen, den Klimawandel einzudämmen?

Ich finde es zu Beginn wichtig, dass wir in der Region geeignete CO2-Minderungsprojekte vorschlagen, die überzeugend sind und eine Sogkraft entwickeln. Da könnte ich mir beispielsweise gut eine Moorrenaturierung vorstellen, die ja noch einen vielfältigen Nebennutzen haben kann. Ob ein solches Projekt innerhalb des ersten Projektzeitraums von drei Jahren umgesetzt werden kann, muss noch geprüft werden, weil viele Flächen in privatem Besitz sind und erst erworben werden müssten.

Ideen der beteiligten Unternehmen, die für das Projekt gewonnen werden sollen, sollten hier mit einfließen: Sie sind eine tragende Säule für das Vorhaben.

4. Was tun Sie persönlich bereits für den Klimaschutz?

Welche Verhaltensweisen haben Sie beispielsweise im Sinne des Klimaschutzes verändert?

Wir haben in den 90er Jahren in unserem Dorf gebaut – aber kein Einfamilienhaus, sondern ein Reihenhausteil, das wir für eine zweite Familie durch zwei geteilt haben, um den Flächenverbrauch und auch den Energieverbrauch zu reduzieren. Wir haben das Haus möglichst gut gedämmt und heizen überwiegend mit Brennholz aus dem eigenen Wald.

Meine Kinder sind mit Stoffwindeln, viel gebrauchter Kleidung und mit wenig Plastikspielzeug aufgewachsen, mit überwiegend vegetarischer Vollwerternährung und wenig Fleischanteil (dafür hochwertiges Biofleisch). Ich selbst halte mich beim Konsum von Kleidung, Haushaltswaren oder sonstigen Dingen wie der Nutzung digitaler Medien zurück – allerdings lese ich immer noch zuviele Zeitungen und Magazine, die ich auch daheim habe.

Auf Flugreisen verzichte ich grundsätzlich, Urlaubsreisen machen wir meist – wenn wir nicht daheim bleiben – mit der Bahn und/ oder dem Fahrrad.

Beim Kochen und beim Gesamtstromverbrauch achte ich auf möglichst geringen Energieverbrauch (im Winter koche ich auf dem Holzofen, im Sommer meist mit Schnellkochtopf), ich kaufe hauptsächlich Biolebensmittel aus der Region (der Gemüseanteil aus meinem naturnahen kleinen Garten ist überschaubar), alle Geräte wie z.B. Waschmaschine oder Kühlschrank kaufe ich nur nach möglichst hohen Energiestandards.

Alles, was ich besitze, verwende ich solang wie möglich, und tausche es erst aus, wenn es defekt ist, um keine Ressourcen zu verschwenden. Bei der Einrichtung haben wir vorwiegend auf heimisches Holz vom Schreiner gesetzt, das sind gleichzeitig sehr langlebige Möbel, die beim Altern trotz Gebrauchsspuren oft ihre Schönheit bewahren.

Bis ich über 40 Jahre alt war, hab ich bewusst auf ein Auto verzichtet, und alle Arbeitswege trotz großem Zeitaufwand mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewältigt. Erst, als ich nach einem Arbeitsplatzwechsel keine Möglichkeit mehr hatte, meinen Dienstort mit dem ÖPNV zu erreichen, musste ich ein Auto kaufen – und wurde für viele Jahre durch den langen Arbeitsweg zum Umweltsünder, das hat mich persönlich belastet.

Seit ich Arbeitstage verlängern kann, weil die Kinder groß sind, durch einen Arbeitsplatzwechsel und weil es außerdem inzwischen die Möglichkeit zum Homeoffice gibt, haben sich meine Dienstkilometer sehr deutlich reduziert, aber da geht immer noch was. In der Freizeit versuche ich weiterhin, das Auto so wenig wie möglich zu nutzen.

Dienstlich hab ich mich seit langem auf vielfältige Art und Weise für den Klimaschutz engagiert, als Umweltbeauftragte am Chiemsee, und hier besonders im Bereich Unterstützung des öffentlichen Nahverkehrs, Ausbau von Fahrradwegen, Errichtung von Bürgersolarkraftwerken,  auch Unterstützung der Regionalwährung „Chiemgauer“ u.v.m., bis hin zu meiner jetzigen Tätigkeit, wo ich meine Kraft v.a. für die Unterstützung heimischer (Bio-)Bauern verwende.

Privat bin ich Mitglied in mehreren Umweltinitiativen und achte darauf, auch mit gespartem Geld keine umweltschädlichen Investitionen zu tätigen.

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